"Gestern war ich drei, aber jetzt bin ich schon vier. Ich bin ja
schon groß."
Ja, jetzt wo ich vier bin, lerne ich die vier. Als Überraschung gibt es vier
Gummibärchen, denn ich bin ja jetzt vier und nicht mehr drei. Drei und eins,
das macht vier.
Mein vierter Geburtstag begann mit Räuber Hotzenplotz im Theater. Eigentlich
stimmt das nicht ganz, dort habe ich nur mit meinen Freunden gefeiert und zwar
ein paar Tage nach meinem Geburtstag. "Ich habe drei mal Geburtstag
gehabt." Einmal im Kindergarten, einmal mit meinen Omis und Tanten und
dann eben mit meinen Freunden. Ich hatte keine Angst vor dem Räuber Hotzenplotz.
Ich bin ja schon vier.
Ansonsten gibt es bisher bei mir nichts wirklich Neues: Es reicht ja auch,
wenn mein Bruder die Familie auf Trapp hält. Mit dem muss man ständig ins
Krankenhaus fahren, weil er sich immer den Kopf aufschlägt. Außerdem ist der
ziemlich stark geworden. Er haut, beißt und stößt mich einfach von der Couch,
wenn es ihm etwas nicht passt. Ich frage mich wirklich, von wem er das
hat.
Im Kindergarten haben Mama und Papa gesagt bekommen, dass ich auf eine
liebenswerte Art und Weise ein kleiner Störenfried bin und die anderen Kinder
zum Quatschmachen anstifte und nur weil mir zu langweilig ist oder weil ich mich
nicht an die Regeln halten möchte. Das klingt wirklich hart, aber es gibt so
viele interessante Dinge zu erleben und ein lustiges Liedchen auf den Lippen hat
doch noch nie jemanden geschadet. Verblüffen tue ich sie auch ganz gerne, wenn
sie mir neue Matheaufgaben zeigen und ich sie mit einem "Kann ich schon."
einfach abserviere. Warum nerven sie mich auch mit so einfachen Zeugs, wenn man
draußen richtig sich austoben kann.
Jetzt soll ich lernen, mir völlig uninteressante Dinge trotzdem zu machen,
ohne dass mich jemand daran ständig erinnern soll. Ich finde das einfach nur
gemein. "Das mag ich gar nicht, gar gar gar nicht."
Wir sind auf dem Weg zu Omis 60. Geburtstag. Ich habe mich auch mal
herabgelassen, ein Kleid anzuziehen. Das tue ich ja normaler Weise nicht. Ist
mir nicht cool genug. Aber für Omi mache ich das doch mal gerne. Wie auch
immer, auf der Fahrt nach Lieblos beschäftige ich mich damit zu erkunden, warum
auf Moritz' Seite, die Bäume schneller sind als auf meiner und warum die Sonne
immer genauso schnell ist, wie wir. Mama hat es mir erklärt, das das mit meiner
'subjektiven Wahrnehmung' zu tun hat und jetzt schicke ich sie immer zwischen
den Spuren hin und her, damit es mal bei mir und mal beim Moritzi schneller ist.
Das macht Spaß!
Darüber hinaus gibt es auch noch andere Dinge, die ich für ungemein
interessant halte:
"Wenn Dinosaurier Dinosaurier auf die Welt bringen und Menschen Menschen
auf die Welt bringen, warum gibt es dann Menschen?"
- Ich finde das ist eine sehr berechtigte Frage. Mama hat mir dann etwas von der
Entwicklung des Menschen und von Affen erzählt. Ich habe beschlossen mich einer
Antwort zu enthalten und lieber noch einmal über diese Entwicklungssache
nachzudenken.
Es ist Juli und es ist der Monat, um heftig Sport zu treiben. Ich gehe im
Kindergarten Reiten, mittwochs zum Turnen und donnerstags zum Schwimmen. Und
während ich fürs Schwimmen mich intensiv auf meine Seepferdchenprüfung
vorbereite, werde ich beim Reiten zu einer kleinen Akrobatin: Ich bin nämlich 2
Runden auf meinem Pony freihändig kniend geritten! Das soll mir mal einer
nachmachen! Wir waren auch alle ganz stolz, ich besonders. Daher habe ich das an
meinem Schafhocker Mama auch immer und immer wieder gezeigt, wie das genau geht.
Mein Schafhocker - hatte ich mal erwähnt, dass den mir meine Uromi geschenkt
hat? - ist überhaupt ein gutes Reittier. Gerne binde ich ihm mit meinem
Hüpfseil ein Zaumzeug um und verkleide mich dann mit diversen Gegenständen und
Kleidungsstücken als Ritter. Mein Pferd und ich erobern dann das obere
Stockwerk und bezwingen fürchterliche Drachen, die vom Moritz gespielt werden.
"Mama, schreibst du dem Weihnachtsmann, dass ich eine Ritterrüstung
mir wünsche?" - "Ja, mache ich." - "Gut, dann muss
er mir nur noch das Pferd dazuschenken."
Mama und Papa versuchen mich jetzt mit Motivation dazu zu bringen, mich auf
meine Alltagsaufgaben zu konzentrieren. "Konzentrieren kann ich mich
nämlich nicht so gut, wenn ich gestört werde!" Also habe ich jetzt an
meinem Waschbecken eine kleine Magnettafel stehen. Wenn ich meine Zähne alleine
und ordentlich putze und danach mein Gesicht ordentlich wasche, dann bekomme ich
einen Magneten. Für 2 Magneten darf ich mir eine Geschichte wünschen, für 5
Magneten darf ich eine DVD schauen und bei 10 gesammelten Magneten habe ich
einen Wunsch frei!
Am 14. Juli 2005 habe ich meine Seepferdchenprüfung bestanden. Das habe ich
ganz alleine gemacht. Ich bin einfach zu Steffi gegangen und habe gesagt, heute
möchte ich mein Seepferdchen machen. Nur jetzt habe ich gar keinen Schwimmkurs
mehr, denn zum Weitermachen in einem Schwimmkurs muss 5 oder sogar schon 6 Jahre
alt sein. Was mache ich denn jetzt?
Ich habe nix gemacht. Das war Mama. Sie hat für mich tatsächlich einen
Schwimmkurs im Westbad gefunden. Eigentlich üben da die Kinder mit Seepferdchen
für das Bronzeabzeichen, aber dafür bin ich dann doch noch etwas zu klein. Ich
bin die jüngste. Alle anderen sind mindestens 5 1/2 und ich glaube viele gehen
auch schon in die 1. und 2. Klasse. Aber ich halte trotzdem tapfer mit.
Sprüche im September:
[Situation: Unsere Uroma ist im Krankenhaus und wir sitzen alle zusammen mit
anderen Patienten auf dem Balkon.]
Ältere Dame: "Erst wenn du groß bist, kannst du einen Führerschein
machen. Dann kannst du deine Uromi auch mit dem Auto fahren."
Marlene: "Nein, kann ich nicht."
Ältere Dame: "Wieso nicht?"
Marlene: "Wenn ich den Führerschein mache, ist die Uromi schon
tot."
Was ich auch meinen Eltern im Urlaub gezeigt habe. Ganz stolz bin ich durch
die Wellen im Meer getaucht und mit Anlauf ins Schwimmbad gesprungen. Eigentlich
war ich so häufig am und im Wasser wie es nur ging. Am meistens Spaß hatte ich
am Strand, wo ich viele Freunde gefunden habe.
In der Weihnachtszeit bin ich komplett ausgebucht. Mit Herrn Mencke singe ich
im Spatzenchor und habe mein erstes Konzert. Nun, nächstes Jahr halte ich dann
auch durch und singe mit, aber in den Generalproben war ich immer die Lauteste
von allen. Man kann halt nicht immer gut sein. Dann habe ich im Kindergarten in
der Adventsfeier die Hauptrolle gespielt. Ich war der Bär, der sich auf
Weihnachten freut und ich musste ganz viel Text lernen. Aber die Katja hat mir
geholfen. Ich muss zugeben, singend fällt mir das Textlernen viel einfacher!
Jetzt bereite ich mich auf das Weihnachtssingen vor. Mit dem Spatzenchor singen
wir in der Uniklinik und an Heilig Abend und im Kindergarten brauchten sie noch
einen kräftigen Wirt. Daher darf ich bei den Vorschulkindern mitsingen, obwohl
ich noch gar keins bin.
Ich bin zur Zeit ganz auf Weihnachten eingestellt. Das liegt auch mitunter
daran, dass ich ins Atrium gehe. Ja, da staunt ihr was? Das war mein eigener
Wunsch. Im Atrium lernt man etwas über Jesus und man muss ganz Stillsein. Das
fällt mit ab und zu mal schwer, aber Timo ist ganz zufrieden mit mir. Es macht
mir Spaß. Auf alle Fälle weiß ich jetzt, dass die Engel auf die armen und
kranken Menschen aufpassen. Sie machen sie wieder glücklich. Jeder sollte einen
Engel haben. Und die Sterne leuchten uns den Weg, genauso wie sie Maria und
Joseph den Weg geleuchtet haben. Ich bastel' ganz viele Sterne diesen Winter.
Die haben wir in verschenkt, damit alle einen Stern fürs nächste Jahr haben.
Das hat Spaß gemacht!
Meine Mama bekommt ein Baby! Ich bin ganz aus dem Häuschen. Ich habe es auch
ganz alleine rausbekommen und ich bin so mächtig stolz, dass ich es jedem
erzähle. Ich glaube, es wird ein Mädchen. Es muss ein Mädchen werden, denn
Jungs machen immer alles kaputt. Mit denen kann man gar nicht richtig spielen.
Dem Moritzi habe ich auch schon alles erklärt, damit er einbißchen Rücksicht
auf die Mama nimmt. Der ging es ja gar nicht gut. Ständig hat sie sich
übergeben und lag auf der Couch. Einkaufen fand sie ganz widerlich und kochen
mochte sie überhaupt nicht mehr. Aber zum Glück ist das jetzt vorbei. Jetzt
gibt es wieder richtige leckere Sachen!
Am letzten Januarwochenende ist Moritz zu mir ins Zimmer gezogen. Er schläft
jetzt in meinem Hochbett und ich habe Mamas altes Kinderbett bekommen. Das ist
richtig groß und steht jetzt unter der Dachschräge. Mit Mama zusammen habe ich
dann Leuchtsterne auf die Wand geklebt. Das sieht jetzt nachts aus wie ein
richtiger Himmel. Ich finde es ganz toll. Manchmal mache ich mir einen ab wie
bei Laura Stern. Der leuchtet dann in meiner Hand.
Moritz findet die Sterne auch toll, wenn ich eingeschlafen bin, kommt er
manchmal zu mir ins Bett gekrabbelt und holt die Sterne von meinem
"Himmel" herunter. Dann liegen sie am Morgen alle in meinem Bett und
ich kann sie wieder an die Deckeschräge hängen. Zum Glück geht das.
Ich habe jetzt auch ein eigenen Nachtschrank. Das ist Mamas alter
Puppenkleiderschrank, wo Lisa ihre Wäsche drin hat. Ich habe das Aquarium drauf
gestellt und das Bild von Teta Borka und mir und ein Buch zum Lesen.
Im Februar habe ich Uromi eine Geburtstagseinladung geschrieben für ihren
85. Geburtstag. Es geht doch nicht, dass Uromi nicht zu ihrem Geburtstag einlädt
und ich habe ihr gesagt, dass sie das machen muss. Sie hat mir erklärt, dass
sie dazu zu alt wäre und nicht mehr schreiben könne. Da habe ich ihr
versprochen, dass ich das für sie mache. Und genau das habe ich dann auch
getan. Mama hat mir gesagt, wie man die Worte schreibt und ich habe es dann
aufgeschrieben, denn die Buchstaben schreiben kann ich ja schon. Einen
Blumenstrauß und ein Männchen habe ich dann auch noch dazugemalt, damit auch
jeder weiß, dass es um meine Uromi geht. Einladungen schreiben macht Spass,
für meinen Geburtstag bin ich auch schon dabei, eine Gästeliste zu schreiben.
Aber Mama meint, es sei noch etwas früh, weil ich doch erst im Mai Geburtstag
habe. Aber wenn ich es jetzt nicht aufschreibe vergesse ich es doch wieder bis
dahin... nun habe ich schon so viele Liste angefertigt und doch komme ich meist
nicht über die ersten drei Namen hinaus...
Es ist Anfang März als Mama wieder zum Arzt geht. Sie hat Papa mitgenommen,
weil sie herausfinden wollen, ob ich einen Bruder oder eine Schwester bekomme.
Nächstes Mal darf ich wieder mit, hat Mami mir versprochen. Letztes Mal war ich
ja hin und weg von meinem Geschwisterchen. Ich habe mir vom Arzt auch ganz genau
erklären lassen, wo es mal später rauskommt und wieso und weshalb alles so ist
wie es ist. Ja, ich bin jetzt vollkommen aufgeklärt und mir kann keiner mehr
was vom Storch erzählen. Wie auch immer, es ist ein Bruder, den Mama da im
Bauch hat. Ich habe es erst einmal zu hingenommen, aber einbißchen Sorgen mache
ich mir ja schon:
"Marlene, freust du dich, dass du ein Brüderchen bekommst?"
"Aber Papa, wenn ich ein Brüderchen bekomme, dann habe ich ja zwei
Brüder und ich habe doch nur zwei Arme, wie soll ich denn da auf beide
aufpassen? Das kann ich doch nicht! Ihr müsst mir dann schon einen abnehmen."
(völlig verzweifelter Tonfall)
Von mir gibt es im Moment nicht viel zu erzählen, wir haben Moritzis Taufe
gut überstanden. Mama habe ich richtig helfen dürfen. Habe die Tomaten geputzt
und vorbereitet und die Spielsachen alle freiwillig aufgeräumt. Das hat mir
richtig Spaß gemacht und Mama hat sich auch gefreut. Die Taufe war richtig
klasse, wir hatten viel Besuch und haben den ganzen Tag gespielt.
Mit Anna haben wir eine Fahrgemeinschaft gebildet, um morgens zum
Kindergarten zu fahren. Dann darf ich immer vorne sitzen, weil die Anna so
schüchtern ist. Ich gebe mir auch sehr viel Mühe leise zu sprechen, damit sie
keine Angst bekommt. Ich glaube, einbißchen besser geht es ihr schon. Ich finde
es jedenfalls ganz toll!
April 2006, 7 Uhr morgens, kurz nach dem Aufstehen: Der "Ich werde auch
einmal Mutter"-Dialog:
[...]
"Wenn man eine Frau ist, kann man ein Baby bekommen."
"Ich werde auch mal eine Frau, Mama, dann werde ich auch ein Baby
bekommen, gell?"
"Wenn du dann den passenden Mann dazu hast, ja."
"Aber ich habe doch schon einen Mann, also werde ich auch ein Baby
bekommen."
"Du hast schon einen Mann?"
"Der Elias ist ein Junge und ein Junge wird ein Mann, also habe ich
einen Mann mit dem ich ein Baby bekomme." *mit einem völlig
selbsterklärenden Schulterzucken*
Am 18. April 2006 habe ich Fahrradfahren gelernt. Die Omi habe ich dafür
ganz schön auf der Straße hin und her gescheucht, aber es hat sich gelohnt!
Jetzt bin ich richtig fitt und ganz ohne Stützräder! Daher war ich dann auch
Anfang Mai mit Papa beim Fahrradhändler und wir haben mir ein cooles, buntes
Fahrrad mit einem kleinen Vogel drauf gekauft. Dazu noch die passenden
Fahrradhandschuhe und dann konnte es auch gleich losgehen. Das Rad bekomme ich
zu meinem 5. Geburtstag, aber einmal ausprobieren war natürlich Ehrensache!
26. April 2006, 19:30 Uhr, auf der Heimfahrt von Elias' Geburtstagsfeier:
Der "Internet"-Dialog:
[...]
"Mama, was ist das Internet?"
"Das Internet ist so was wie das Telefonnetz. Beim Telefon spricht und
hört man und bei Internet schreibt und liest man."
Marlene nickt langsam. Nach einer Denkpause:
"Mama, kannst du der Frau in dem Haus auch schreiben?"
"Welche Frau in welchem Haus?" *???*
"Na die Frau in dem Haus, die nicht da ist." *leicht
genervt*
"Welche Frau ist nicht da?" *Mutter kommt ins Schwitzen*
Es folgt ein verzweifelter Versuch Marlenes, die Frau in dem Haus zu
erklären.
"Mama, du verstehst wieder gar nichts." *motz*
Mutters Versuch, Marlene zu ermutigen, doch ganz langsam zu erklären, was
das Internet mit einer Frau im Haus zu tun hat und die Versicherung, dass Mutter
auch alles versucht, zu verstehen.
"Die Bundes... wie heißt die Frau von Deutschland noch mal?"
"Du meinst die Bundeskanzlerin?"
"Ja, die Frau Merkel." *Mutter starrt ungläubig in den
Rückspiegel*
"Was ist mit der Frau Merkel?" *nachfrag*
"Die ist doch weg."
"Ja, die ist in Moskau bei Putin. Warum?"
"Kannst du die auch mit dem Internet erreichen?"
"Ähm... ich denke schon, dass man sie per Internet erreichen kann,
zumindest ihre Sekretärin."
"Dann frag sie, wann sie nach Hause kommt."
[...]