Mai 2007:
Marlene: "Mein Klassenlehrer ist total komisch, Mama."
Mama: "Wie komisch?"
Marlene: "Der - spielt - mit uns. Und manchmal redet er totalen
Quatsch. -- Der ist gar kein richtiger Lehrer. Ich habe mir einen
richtigen Lehrer ganz anders vorgestellt."
Mama schmunzelt.
Marlene: "Aber Mama, sag ihm das bitte nicht. Sonst
ändert er noch was und er ist viel besser als ich es mir erträumt habe."
Am 11. Mai 2008 feiere ich zum ersten Mal meinen Geburtstag in
der Schule. Ich habe Törtchen mitgebracht und es ist unglaublich toll.
Die Schule ist sowieso klasse. Ich muss den Schulstoff bis zu
den Sommerferien nachgearbeitet haben. Herr Ferdinand ist der Meinung, dass ich
dafür auch die Sommerferien brauche, aber tatsächlich bin 3 Wochen vor
Schulende fertig und sage zu meiner Mama: "So, ich mache jetzt keine 2
Seiten Mathe mehr. Ich hör jetzt auf zu arbeiten. Ich bin jetzt in der Mitte
angekommen, das reicht mir." Mama ist ziemlich überrascht und muss
sich natürlich - sie glaubt mir ja nicht - bei meinem Klassenlehrer
vergewissern. Der schaut einbißchen überrascht und muss mir dann aber recht
geben. Ich habe den Stoff aufgeholt und muss nun nichts mehr zusätzlich
nacharbeiten. Nun, ich verstehe das etwas anders: Ich tue nämlich ab sofort gar
nichts mehr: Nichts mehr in der Schule und zu Hause gerade mal die Hausaufgaben.
Herr Thode und Mama sind ratlos, aber ich sehe nicht ein, etwas zu tun, was ich
sowieso schon kann und bringe mir lieber mal das kleine 1x1 selbst bei. Aber
nicht, dass Ihr jetzt denkt, dass ich damit prahle. Sowas mache ich nicht. Mir
ist es sogar ziemlich unangenehm, wenn andere mitbekommen, wenn ich etwas weiß,
deshalb mache ich auch nur das, was wirklich notwendig ist und was ich in meiner
Klasse können muss:
Da wir in der 2. Klasse nur bis 100 rechnen, rechne ich auch im
Matheheft auch nicht weiter als 100 und schreibe hin, dass man die Aufgabe nicht
lösen kann, weil es über 100 geht. Zuhause im Bett überlege ich mir dann, wie
der Zahlenraum bis 1000 aussieht. Aber psst.. das ist mein Geheimnis!
In Sommerferien habe ich übrigens besonders Pech. Ich falle in
der 2. Woche und breche mir mein Schlüsselbein. Ich will aber nicht zum Arzt
und tue so als hätte ich keine Schmerzen. Mama ist skeptisch und bringt mich
ins Krankenhaus und selbst der Arzt glaubt, ich habe mir nur eine Prellung oder
so zugezogen, aber dann kommt das Rötgenbild: es ist ein glatter Durchbruch.
Der Arzt ist völlig sprachlos unter dem Motto: "Die zeigt ja gar keinen
Schmerz!" - Hatte ich nicht gesagt, ich will nicht zum Arzt? Naja, jetzt
sind die Sommerferien jedenfalls futsch. Bis in die erste Schulwoche trage ich
diesen blöden Rucksackverband und kann mich nur eingeschränkt bewegen. Zudem
stinke ich wie ein Stinktier, weil ich mich nur notdürftig waschen darf.
Nach den Sommerferien habe ich dann den Anreiz bekommen, besser
mitzuarbeiten und das hat gut funktioniert. Und weil ich eifersüchtig bin auf
meine beste Freundin Vivi, die im Förderunterricht donnerstags ist, darf ich
dort auch mitmachen und bin die erste in meiner Klasse, die mit Antolino
arbeitet. Es macht mir Spaß Bücher zu lesen und die Fragen im
Förderunterricht am Computer zu beantworten, aber nur solange wie ich die
einzige bin. Als alle anderen dann auch anfangen, Antonlino zu nutzen verliere
ich das Interesse, Bücher zu lesen, um sie in diesem Programm zu beantworten
wieder... Ihr wisst doch, ich mache grundsätzlich nicht das, was man von mir
erwartet. Bei Frau Meller-Moldenhauer macht der Förderunterricht super viel
Spaß, aber es fuchst mich, dass Finja immer schneller ist als ich. Die kann man
einfach in Mathe nicht schlagen.
Meine Mama studiert. Das finde ich total doof. Jetzt hat sie
keine Zeit mehr für uns. Schließlich hat sie drei Kinder und die darf sie
nicht vernachlässigen. Ich finde, sie ist viel zu alt zum Studieren und wenn
überhaupt, dann soll sie doch wie Papa arbeiten. Dann verdient sie wenigstens
Geld.
Mit meinen Papa habe ich Krach und er ist ziemlich sauer auf
mich. Ich finde, meine Eltern erziehen mich falsch. Ich haue andere Kinder
nur, weil sie mich falsch erziehen. Sie müssten viel bessere Vorbilder sein.
In den Weihnachtsferien fehlt mir mein Klasselehrer und ich
schreibe ihm Briefe, die ich aber nie abschicken kann, weil ich seine Adresse
nicht habe. Ich fahre mit Omi nach Sylt und sammele Muscheln für ihn. Ich
vermisse ihn so sehr, dass ich richtig froh bin, als die Schule wieder beginnt.
Aber Anfang 2008 habe ich dann einbißchen Probleme mit dem
Verständnis von zwischenmenschlichen Beziehungen. Was bedeutet es, eine
Freundin zu haben? Wenn man eine Freundin ist, wieso spielt sie dann auch mit
anderen Kindern? Das alles ist irgendwie sehr schwer für mich zu durchblicken,
aber Mama und Papa tun alles, mir über die schwere Phase hinaus zu helfen und
mittlerweile suche ich mir auch noch andere Mädchen zum Spielen. Trotzdem Vivi
bleibt meine beste Freundin. Hoffentlich bleiben wir immer zusammen.